
Bereits ein paar Tage unterwegs und etwas gebeutelt von jet lag und Reise sind wir nun endlich im Zug. Nach den ersten Strapazen eine wirklich schöne Erholung, obwohl wir wegen Überheizung nicht so top geschlafen haben. Es ist auch nicht ein „besserer“ Firmenzug sondern ein normaler Zug, das bedeutet kein Luxus, doch echte Federkissen und Leintücher und auch immer frisches heisses Wasser für Tee im Samowar. Die Familie Kojevnikov ist toll organisiert, das super Frühstück entschädigt uns für die Nacht: frisches Gemüse und Kräuter, gutes Brot. Dazu noch ein Huhn, ein Geschenk des Abteilnachbars. Aus dem Militär nach Hause hatte er zuviel zu essen dabei und gibt eben mal schnell ein Huhn ab. Das ist total selbstverständlich auf russischen Zugreisen, wunderbar. Dann der Tee aus den hübschen Gläsern mit ziselierten Metalluntersetzern und nun durch die schöne Landschaft zum Baikalsee. Zugfahren in Russland ist wirklich eine Freude. Auch Andreas kann sich nun vielleicht erholen, bereits im Flugzeug hatte er Fieber und die Reise war so für ihn sicher doppelt anstrengend.
Auch so ist es ja immer eine Sache, die Instrumente, das Übergewicht, die vielen Gepäckstücke...Wie durch ein Wunder haben wir es geschafft, dass wir für unser Übergewicht im Gepäck doch nicht bezahlen mussten. Allein der Koffer von unserer Tonmeisterin Malgorzata wiegt 28 Kilo (auf der Waage in Polen) und 27 (in Deutschland) nur mit Kabeln voll. Der kleine Koffer fürs Handgepäck beherbergt die empfindlichen Aufnahmegeräte. Dann unsere Instrumente, Noten, Fracktaschen, Koffer mit den Programmen (500 Stk), Computer- wir haben sehr viel dabei, die persönlichen Dinge nehmen am wenigsten Platz.
Der erste Flug nach Moskau klappt prima, wir werden abgeholt und in die Stadt zu unserer Bleibe gebracht. Die Übernachtung war so von uns eigentlich nicht geplant, lieber wären wir einen Tag früher in Tschita -unsere erste Destination- gewesen aber es gab eine erste Panne dort, die Veranstalter haben einen anderen Flug gebucht und so müssen wir einen Tag in Moskau verbringen. Das hat zwar auch sein Gutes, denn es lohnt sich, etwas Zeit mit Sergej zu verbringen, doch der jet lag ist ja erst in Tschita richtig akut- von Moskau nach Tschita sind es noch einmal sechs Stunden Zeitverschiebung- und so können wir nicht vorbeugen... Sergej ist unser Kontaktmann in Moskau. Wie durch ein Wunder ist er immer da, wo man ihn braucht, ständig unterwegs, er scheint auf der Strasse zu arbeiten. Rostik versteht sich gut mit ihm, er ist sehr nett und auch absolut kompetent. Über seine Agentur sind wir nach Tschita vermittelt worden.
Nun muss ich die Natur betrachten, wir sind jetzt am Bajkal See!!!! Unendliche Weite, trockenes Gras und Birken Birken Birken. Dazwischen manchmal Häuschen, sehr klein und oft baufällig. Und der See, noch zugefroren bis und mit Juni, super schön. Hier und da sieht man Fischer auf dem Eis. Ein kleiner Stop und wir kaufen Fische, geräucherte Omul die es nur hier gibt, jeder schmeckt ein wenig anders. Mit Bier ist es fantastisch, nur etwas seltsam mit dem Jet lag, es wäre etwa sechs Uhr morgens, unsere Zeit. Aber Essen geht immer. Schwieriger war es mit dem spielen gestern:
Am winzigen Flughafen nach einer super sanften Landung in Tschita abgeholt werden wir mit dem Phlharmonie-Bus zuerst ins Hotel gebracht. Da können wir eineinhalb Stunden zusätzlich zu den bisher drei im Flieger schlafen und dann ab in die Philharmonie zur Pressekonferenz. Es sind etwa 12 Journalisten und Fotografen da, die Fragen nicht blöd und wir erzählen von uns, dem Projekt und der Arbeit als Streichquartett. (Natürlich erzählt Rostik, wir andern sind stolz wenn wir wenigstens begreifen, worum es geht.) Dann endlich Probe, es ist höchste Zeit, dass wir die Instrumente in die Finger bekommen. Da wir total übermüdet sind, spielen wir einfach soviel wie halt geht, Malgorzata richtet die Mikrophone ein. Dann, nach einer überlangen Einführung und Bedankung aller Sponsoren - unser Konzert ist das Schlussbouquet des Festivals "blühende Bagulnik" (Bagulnik ist eine Blume, die ca drei Wochen nach Festival Ende blühen wird) - können wir endlich aufrtreten, ein voll besetzter Saal, ca 500 Leute, auch sehr viele junge Leute sind da. Schoeck klappt gut, Pintscher ist äusserst schwierig, nicht nur für das Publikum, auch für uns, die Akustik zu trocken, das Stück zu leise und wir einfach gaga. Sikora ist dann einfacher, da die Musik zupackt, auch laut und schnell ist. Tanejew ist richtig gut zum Schluss. Aber so müde waren wir schon lange nicht mehr. Das Publikum ist einfach rührend, viele kommen nach Hinten für Fotos und Autogramme, ein Mann, der uns schon im Flugzeug erkannt hatte von den Plakaten ist tatsächlich ins Konzert gekommen und bringt auch Blumen. Die CDs sind sofort alle weg und sogar einige Programme wurden verkauft, obwohl niemand gerne liest und gedruckte Programme total exotisch sind und das Exotische nicht sosehr interessiert, scheints... Es wachsen mir Zweifel, ob das alles richtig ist, verstehen die Leute etwas von dem, was wir hier tun? Im Zug geht das grübeln noch weiter, erst mal drüber schlafen und nicht verrückt werden. Immerhin, die Leute von der Philharmonie zeigten sich begeistert, froh, etwas gehört und vor allem organisiert zu haben, was es noch nie gegeben hat in der Stadt. Damit wächst aber auch der Druck auf uns, wir müssen super spielen, damit die Stücke wirklich eine Chance haben. Als Dankeschön haben wir ein Märchenbuch auf russisch bekommen; dass wir es nicht lesen können (obwohl Andreas wirklich schon sehr gut spricht) ist nicht so wichtig, wie auch der jet lag für niemanden ausser uns ein Thema war...erstens ist man Russe, zweitens nicht zimperlich und man kommt auch nicht von so weit her! Mit uns im Flugzeug war die Fussballmanschaft aus Brjansk, unser Freund hat mit den Sportlern entscheidend mehr Mitleid und macht sich über deren jet lag durchaus Gedanken.
09.04. 2009 Tschita (BLOG)
Bemerkung: Die Schreiberin beklagt sich im allgemeinen über die Situation in Tschita insbesonders, dass für die Kammermusik nicht genug getan wird.
„Die ganze Woche hat in unserer ruhmreichen Stadt das Festival „Blühende Bagulnik“ stattgefunden. Ich verstehe, dass Nachbesprechungen solcher Veranstaltungen Streit hervorrufen können, da die Meinungen zu solcher Musik sehr kontrovers sein können. Nichtsdestotrotz finde ich, sind solche Auseinandersetzungen unerlässlich. Und so hat am 8. April im Kunsttempel unter dem Namen „Philharmonie“ das Asasello Quartett gespielt. Ich war sehr aufgewühlt. Ich habe mich lange nach dem Klang von lebenden Instrumenten und Musik gesehnt, die man heutzutage im Zentralfernsehen nicht hören kann. Habe den Vertreter der Musikgesellschaft der Stadt getroffen und hoffe auf Reaktion. Ich werde nicht lange über die Kunstfertigkeit der Ausführenden sprechen, ich sage nur eines: mein ausgehungertes Ohr hat das bekommen, wonach es sich gesehnt hat.“
15. 04. 2009 Tschita (Zeitung)
„Mit vollem Saal hat Tschita das Asasello Quartett empfangen, dessen Konzert das Festival „Blühende Bagulnik“ abgeschlossen hat. Im Vorfeld haben die Musiker eine Pressekonferenz gegeben....usw“
Bemerkung: ich hatte keine Lust diese Fragen und Antworten der Pressekonferenz mit Rostik auch zu übersetzen, da wir ja alles kennen.

In Irkutsk sind wir nun für ein paar Tage einquartiert. Das erste Konzert findet aber in Angarsk statt, der Nachbarstadt, etwa anderthalb Autostunden westlich von Irkutsk entfernt. Wir spielen im Kulturhaus der Petrolchemie Arbeiter. Nicht im Frack, denken wir, das ist wahrscheinlich overdressed. Aber nein, die Petrolchemie hat Geld gebracht, der Saal ist auch sehr prunkvoll und hat vor allem eine viel bessere Akustik als Tschita. Die Stadt selbst ist jung, erst sechzig Jahre alt. Das Kulturhaus wurde, wie vieles andere in der Stadt, von Zwangsarbeitern gebaut, doch das erfahren wir erst später. Auch das ist eben Sibirien, ein Wort, welches noch heute für viele Ohren nach Gefangenschaft und Zwangsarbeit klingt.
In der Vorprobe tauchen dann die Schüler auf, die sich für den Tee angemeldet hatten. Hauptsächlich Mädchen zwischen acht und 14 Jahren alt, begleitet von ihrer Lehrerin mit Timoschenko -Zopf-Frisur erscheinen auf einmal auf der Bühne. Sie hören sich zuerst unsere Probe an (Sikora fünfter Satz, tonloses auf dem Steg streichen, wie bizarr) und spielen dann für uns. Unglaublich! Eine alte russische Romanze mit soviel Feinheit, blitzsauber intoniert, perfekt einstudiert und dann total frei und schön gespielt, wir sind alle schwer beeindruckt und ehrlich zu Tränen gerührt. Unsere letzten zehn Probe-Minuten für die Pintscher Korrekturen sind dann unsererseits unter Hochspannung, wir müssen einfach überzeugend spielen, einen guten Eindruck hinterlassen und die Stücke optimal übersetzen. Ohne Pause geht es dann nahtlos zum Konzert über. Der Saal ist gut gefüllt, es sind alle Musikschulen hier (vier gibt es allein in Angarsk) mit Schülern, Lehrern und Direktoren plus über zweihundert verkaufte Karten. Es klappt dann doch alles prima, nur bei Tanejew sind leider unsere Instrumente wegen Scheinwerfer-Hitze ziemlich verstimmt, alles nachstimmen will nicht recht helfen, schade! Doch der Applaus ist sehr sehr herzlich und wir freuen uns, dass wir nochmals Zeit haben werden, der Musikschule einen Dankesbesuch für das Ständchen abstatten zu können. Auch Pintscher wurde nämlich hier höchst konzentriert aufgenommen, wirklich toll, aufbauend für unsere "missionarische" Arbeit auf diese Tour.
Heute Abend haben wir das Orchester Konzert in der Philharmonie in Irkutsk gehört, im Saal wo wir dann morgen spielen werden. Und es stimmt, was die Irkutsker Zeitung nach der gestrigen Pressekonferenz mit Rostik getitelt hat: hier hört und spielt man tatsächlich mit Herz. Es wird Mozart Oboenkonzert mit einem Saxophonisten aus Moskau gegeben (er war auch ein Abend vor uns in Tschita aufgetreten, es gibt halt eine Hauptstrecke für Konzert- und andere Touren, die transsibirische Reiseroute, die Städte werden von Ost nach West und umgekehrt der Reihe nach besucht) und das Orchester begleitet diesen wunderbaren Solisten wirklich zauberhaft. Grottenschlechte Instrumente aber ein Gesamtklang und eine Musikalität, die ans Herz geht. Ein Höhepunkt war die Erstaufführung von Holsts "Planeten" mit Mädchenchor ganz in Gold...Als Zugabe gibt es einen Tango, also keinerlei Berührungsängste wenn es um Sentiment geht. Das ist auch richtig, denn nur so lässt sich erklären, warum die Menschen hier ins Konzert gehen, wie anderorts ins Kino.
Nach Sake und gutem Essen wieder im Hotel, (wir haben japanisch gegessen, das ist ja praktisch Essen aus der Nachbarschaft, wenn man ehemalige "konterrevolutionäre Besatzer" als Nachbarn sehen kann) sehr zufrieden mit unserem heutigen Konzert, obwohl die Leute von der Philharmonie etwas kompliziert waren, hatten wir den Eindruck. Aber das Publikum ist toll und besonders die zweite Hälfte des Konzerts gelingt sehr gut. Marti Weltpremiere ist ein Erfolg und eine Dame bittet uns, ihm auszurichten, dass er ab jetzt einige Fans in Sibirien hat. Unsere PAYSAGES Idee scheint also hier doch aufzugehen. Sehr erfreulich war für uns auch der Erfolg mit den "on the road" produzierten Platten: Wir hatten eben keinen Platz für viele CDs wegen Übergewichtgefahr beim Flug, wo es ja sowieso immer endlose Diskussionen wegen des Cellos gibt und jetzt noch das ganze Aufnahmeequipment...Trotzdem gab es grosse Nachfrage nach Platten. So haben wir mit vereinigten Kräften kurzerhand im Hotel in Irkutsk erst ein paar Platten nachproduziert zum Spass, dann später in grösserer Auflage: natürlich nur die, deren Rechte bei Asasello liegen, ist klar. Malgorzata hat zwanzig Stück (eine endlose Odyssee, bis wir die hatten!!) am Computer kopiert, Andreas hat unten in der Hotel Lobby mit Mühe und grossen Kämpfen mit wenig kooperativem Personal das Cover gedruckt bekommen (die Entwürfe dazu waren noch in unseren mails gespeichert) Juri hat die Covers und Inlays noch in Angarsk mit der Schneidemaschiene zurecht geschnitten, Justyna, Malgorzata, Wolfgang und ich haben dann am Tag darauf alles zusammengebastelt. Diese Platten haben auf alle Fälle Sammlerwert...Mittlerweile sind 100 nachgedruckt, Vater Kojevnikov hatte eine Firma gefunden, die das schnell und unkompliziert machen konnte. Das klingt jetzt alles total gaga und selbstgeschustert, ist es auch, aber es macht Sinn, so wird es für die Leute bezahlbar. Es ist schwierig, die richtige FeinTarierung zu finden zwischen Anspruch und Realität im „wilden Osten“, die nun mal nicht die Carnegie Hall ist. Trotzdem und erst recht müssen wir spielen als wäre es eben Carnegie Hall, weil es sonst keinen Sinn macht. Wir müssen von schlechten Bedingungen unabhängig sein. Das fällt nicht immer leicht, lohnt sich aber, denn es gibt doch viel wertvolles Feedback und unsere einsamen Rufe verhallen nicht alle gänzlich ungehört in dieser scheinbaren Wüste.
13.04.2009 Irkutsk (Regionale Zeitung)
„Am 12 April im Konzertsaal und zwei Tage zuvor in Angarsk spielte das Asasello Quartett aus der Schweiz. Die Musiker führten Streichquartette von Beethoven, Szymanowski und die in 2009 geschriebene Komposition von Heinz Marti auf. Man muss hervorheben, die jungen und talentierten Musiker der Musikhochschulen in Basel und Köln haben hier in Irkutsk schon ihre Fans/Anhänger. Das Quartett kam ja bereits 2006 in die Hauptstadt der Region "Vor Baikal". Bereits letztes Mal waren die Irkutsker bezaubert von der Kombination von Jugendlichkeit und meisterlicher Reife dieses internationalen Quartetts. „In unserem Ensemble verbinden sich vier Kulturen und vier unterschiedliche Schulen: russich/schweizerisch/polnisch/deutsch“, sagt Rostislav Kojevnikov. Für die Musiker ist die Zusammensetzung von Kulturen und Traditionen und deren Unterschiede wenn auch manchmal erschwerend so doch auch bereichernd und interessant in der Arbeit. Schade nur, dass das Irkutsker Publikum noch nicht gelernt hat, die Mobiltelefone auszuschalten.“

Es hat nun doch gedauert, es sind ein paar Tage vergangen, kurze Tour-Pause. (15.04.09) Wir sind nach Angarsk umgezogen, wo wir auch einen freien Tag am Baikalsee eingeplant haben. Bei Rostiks Verwandten bestens aufgehoben. Zu acht in einer Dreizimmerwohnung ist eben in Russland kein Problem. Zum Essen sind wir sogar elf in einem nicht grossen Wohnzimmer. Vorgestern war dann als Tagesziel noch der Schulbesuch angesagt. Zu Fuss sind wir dahin spaziert, wir wurden so gegen sechs erwartet. Zuerst hat uns die Lehrerin ihre Geiger Figürchen Sammlung gezeigt (von kitschig bis sehr kitschige Exemplare) dann haben wir die Schule inklusive Rockgitarren Unterricht -super cool- im Keller angeschaut und zum Schluss sind wir dann im Saal gelandet, wo das Ensemble schon auf uns wartete. Wir wurden auf die Bühne platziert, etwas unangenehm ausgestellt.... Nach einigem Hin und her, Fragen beantworten, Missverständnisse klären, Gekicher, haben uns dann die Preisgekrönten Schüler (das wurde des öfteren erwähnt) noch einmal vorgespielt. Wirklich sehr beeindruckend, was da so in Angarsk passiert. Die Lehrerin kann zu Recht sehr Stolz sein auf sich und ihr Ensemble. Dann haben wir unsere Überraschung präsentiert: Malgorzata hat den kurzen Auftritt der Kinder im Kulturhaus mitgeschnitten! Sie erzählt auf Russisch über sich und ihren Beruf als Tonmeisterin. Der jahrelange unfreiwillige Russischunterricht in Polen zeigt auf einmal nützliche Wirkung und das ist eben auch ein wertvoller Aspekt dieser Reise. Die CD mit Coverfoto des Ensembles von Wolfgang, in Teamwork in größter Eile hergestellt, ist ein grosser Erfolg. Dazu gibt es noch Schweizer Schokolade - wir haben in der Schweiz leider weder einen Oistrach noch einen Kremer, dafür tolle Branchli von Cailler- und alle sind glücklich. Zum Schluss noch die obligate Fotosession, Gespräche mit den Schülerinnen, anschliessend Tee in der Küche mit sibirischer Torte und doch noch ein spannender Austausch mit der Lehrerin über Konzepte, ihre Erfahrungen am Wettbewerb und familiäres. Unter Anderem bekommen wir auch den Rat, wir sollten uns rot -weisse Tüll Kleider beschaffen, das würde den Mädchen super stehen auf der Bühne. Ja schon, aber...Wir sind wirklich sehr begeistert von der Arbeit in dieser Musikschule. Und das alles für einen Monatslohn von 10 000 Rubel (ca 250 Euro). Die Kusine von Rostik verdient das doppelte in der Petrol Fabrik. Allerdings bekommt sie auch einen Monat Ferien am Stück pro Jahr von oben verordnet, da die Fabrikarbeit eben gesundheitsschädigend ist.
Der Ausflug zum Baikalsee ist ein Hit, allerdings trauere ich dem alten Baikal Museum etwas nach. Es scheint Geld da zu sein, es wird wild gebaut und eben modernisiert wo es nur geht. Trotzdem schön, wir essen wieder diesen fantastischen Fisch, dank dem Museum wissen wir jetzt, dass Omuls in dieser Grösse ca. sieben Jahre alt sind. Dann noch Schaschlik und eine Art Dumpling, die Spezialität der Gegend - wir sind ja auch beinahe in China- saftig und mit fantastischem Geschmack. Der See ist noch komplett zugefroren und die Temperatur am Strand in der Nähe des Eises dementsprechend. Erst Ende Mai wird das letzte Eis schmelzen, wenn die Lufttemperaturen schon längst angenehm warm sind. Auf dem Rückweg schlafen wir im Auto, die Sonne brennt und in Irkutsk gibt es für alle Eis im überhitzten Auto. Einmal noch kurz im Hotel vorbei, ich hatte meine Hose vergessen. Ein fröhlichster Ausflug insgesamt, am Abend wieder Fisch und Bier, grossartig.

Wieder im Zug von Angarsk nach Kansk. Unterwegs eine Station mit längerem Aufenthalt, wir essen wieder Eis, obwohl es draussen sehr kalt ist, aber das ist so üblich, Eis muss immer sein, das ganze Jahr über. Und das Standard Eis schmeckt im ganzen Land -und sogar in Polen auch- gleich. Die Landwirtschaft durchs Zugfenster sieht nun gepflegter aus, die Häuser auch, manche haben jetzt (sehr vereinzelt) elektrisches Licht so z.B eine Glühbirne im Garten. Dann das gemeinsame Essen. Jetzt aber schlafen, da morgen früh in Kansk und intensiver Probetag. Auch die Stücke für Ensemblia brauchen dringend mal einen Schub....
In der Hotellobby von Krasnojarsk die erste Krise (hoffentlich) überstanden. Die letzen beiden Konzerte waren einfach zu anstrengend und auch so blöd mit dem Gefühl, das macht doch alles keinen Sinn. Nach dem längeren Gespräch über Neue Musik mit dem Direktor der Philharmonie in Krasnojarsk geht es etwas besser, weil ich vielleicht verstehe, warum das alles so schwierig war. Die Philharmonie hatte uns das Konzert in Kansk vermittelt und da stellte sich raus, das ist ein totales Provinznest, eine Musikschule im Nirgendwo. Als Begrüssung als erstes noch auf dem Perron bei der Ankunft sagt uns der Gastgeber, wir sollten das Programm kürzen (am Besten eigentlich gar nicht spielen folgern wir beleidigt), weil es zu anstrengend ist für die Kinder mit der Neuen Musik. Ja hallo? Erst mal Frühstücken. Doch selbst das stellt sich in Kansk als äusserst schwierig heraus. Unser Hotel ist gerade am Rand der Altstadt, d. h ein paar Meter weiter beginnt der alte Teil der Stadt, sehr malerisch mit den eingeschossigen schön verzierten Holzhäusern und den Dreckstrassen. Schön ist es zwar, von einem richtigen Hahn geweckt zu werden am nächsten Morgen doch nun wollen wir einfach ein Cafe und am liebsten ein frisches Frühstück. Oje und dann fängt es auch noch an zu schneien! Und das einzige Cafe hat erst um neun oder erst um zehn, auf jeden fall jetzt nicht, geöffnet. Auf Umwegen stolpern wir an einem Computer Geschäft vorbei und Wolfgang erkundigt sich nach einer externen Festplatte, er hat bereits so viel Filmmaterial, das muss irgendwo sonst gespeichert werden und er will nicht ständig Malgorzatas Computer in Beschlag nehmen, sie braucht ihn ja auch und vielleicht will mal einer von uns in die Aufnahmen reinhören. Auf alle Fälle, es schneit, wir sind hungrig und finden auch keine passende Festplatte. Endlich nach viel hin und her sind wir in einem sehr merkwürdigen Lokal gelandet. Eigentlich ein normaler Laden, hinten gibt es aber ein paar Stühle und Tische, alles in peppigem Orange in einer Neonlichtatmosphäre, die Fenster mit einem riesigen Karibik Poster komplett verhängt und eine Theke wo Speisen per hundert Gramm angeboten werden, die sehen aus wie von vorgestern und ach ja. Kein Problem. Wir bestellen munter und mutig, in der Zwischenzeit schieben wir die Tische zusammen. Zack kommt ein OXPAHA - Security-, und behauptet, das Tische Zusammenschieben geht nicht. Malgorzata fragt: warum?
Darum.
Warum?
Darum, weil es so ist.
Sie lächelt so charmant es geht und sagt strahlend, das ist kein Argument und er erliegt ihrem Charme, stimmt es ist kein Argument. Wunderbar eine unerträgliche Altlast aus kommunistischen Zeiten überwunden, es geht eben doch mehr als man denkt und diese Erfahrung ist unschätzbar wichtig! Und wir haben ein fröhliches Frühstück mit allem möglichen und es ist nicht mal schlecht! Tolle Sache. Dann zurück ins Hotel und wir werden einiges später abgeholt mit dem Bus fürs Konzert, obwohl es nur fünf Gehminuten zur Schule wären. Nun gut, Service muss sein. Der Saal ist sehr schwierig, viel zu niedrige Decken. Der ehemalige Parteisaal halt, wahrscheinlich hängt da allerlei Partei-Mief noch drin. Auf alle Fälle ist er voll gefüllt, die Leute stehen und sitzen noch an den Seiten, sehr viele Kinder. Wir müssen auf Pintscher verzichten und das ist auch gut so, denn das Publikum ist äusserst lebendig, man hätte nicht nur Pintschers Musik sondern wohl auch hauptsächlich Saalgeräusche gehört. Und die frechsten Gören aus der ersten Reihen kommen dann auch noch anschliessend nach Hinten in den Chorraum, wo wir unsere Garderobe haben, fürs Autogramm. Das haut mich also um und ich tue so, als wollte ich den allerfrechsten erwürgen, das merkt er nicht mal. Die sind einfach fröhlich und kümmern sich nicht, benehmen sich wie es halt gerade kommt. Eigenartig. Rostik hat eine sehr schöne Einführung gehalten, aber wir fragen uns wieder, ob irgendwer überhaupt etwas verstanden hat von unserer PAYSAGES-Idee. Das scheint keinen Menschen zu interessieren. Das Exotische und bereits genügend ist, dass wir aus Deutschland kommen. Im Gespräch mit zwei Damen, die sehr gut Deutsch sprechen, Deutschlehrerinnen aus Kansk wie sich herausstellt, dreht es sich dann auch schnell um Köln, es soll da einen Dom geben und das verrückteste, einen Grüngürtel, das muss das reinste Paradies sein und einmal im Leben nach Deutschland zu kommen nur um alles eineiziges Mal zu sehen und nicht nur aus Büchern lesen, das wäre der Traum überhaupt. Denn „wir wissen zwar alles, aber nur aus Büchern“. Wir sollen die Autogramme in kleine Büchlein schreiben, deutsche Büchlein natürlich, die sie mal geschenkt bekommen haben. Was wir überhaupt in Sibirien machen wollen sie noch wissen, es ist doch so weit weg! Ja ehrlich gesagt fragen wir uns das auch ein wenig...Am Abend dann hervorragend gegessen, aussen Dorf-Atmosphäre, innen silbrig und Diskokugel, von der üppigen Speisekarte nur ein Drittel überhaupt zu haben, aber köstliches Essen, Schampanskoje und einsamer Tanz zweier ehemaligen Dorfschönheiten.
Das Konzert in Krasnojarsk war dann eben auch sehr schwierig. Da die Philharmonie umgebaut wird, wurden wir in den Orgelsaal verlegt was auch Vorteile hat. Die Akustik fantastisch und so besteht berechtigte Hoffnung auf ein super Konzert. Doch kurz vorher wird mir sehr mulmig, das Gefühl, komplett unverstanden zu sein lässt mich nicht mehr los. Wir spielen und Szymanowski ist sehr schön geworden. Doch schon bei Schnittke habe ich das Gefühl, dem Publikum reichts, zuviel Neue Musik. Das ist einfach ein Kampf gegen Windmühlen. Marti ist einfacher, weil das Stück auch sehr kurz ist und überhaupt nicht agressiv. Doch erst bei Beethoven haben wir die Leute wirklich und das passt dann scheints ausgezeichnet, ist doch absurd.. Leider bin ich darüber etwas beleidigt und das Lächeln beim Applaus gelingt nicht so super. Auch hätten wir mehr Zugaben spielen sollen, der Saal war so schön. Nach dem Konzert kommen zwei Komponisten zu uns in die Garderobe und da denken wir, immerhin dafür hat es sich doch gelohnt. Der Jüngere bringt uns am nächsten morgen eine Partitur vorbei, sehr schüchtern der Typ und wahrscheinlich ist seine Musik auch so. Die Situation für Komponisten in Krasnojarsk ist desolat. Es scheint sich kaum Jemand zu interessieren. Wie gesagt ist das Gespräch mit dem Philharmonie Direktor etwas erhellend, aber auch echt ernüchternd. Er hat uns dann nämlich am Nachmittag in sein japanisches Auto gesteckt, davon gibt es in Russland viele und es scheint im Verkehr keine Rolle zu spielen ob das Steuer links oder rechts ist, und uns die Stadt gezeigt. Das heisst wir sind aus der Stadt raus und zum riesigen Staudamm im Jenisej gefahren. Gross, grösser und ein obligates riesiges Lenin Portrait dran, es ist gigantisch. Aber eben, Krasnojarsk selber hat nicht genug Strom, der wird anderswohin verkauft, so ist es überall in Russland, ein unglaublicher Reichtum aber eben nur für wenige. Nur die prachtvollen Bahnhöfe erinnern daran, dass irgendwann ja auch mal „fürs Volk“ gebaut wurde. So richtig angenehm sind diese Bauten aber auch nicht, immer schliesst sich eine Tür vor der Nase, gibt es unmögliche Stufen und ewige Treppen, uns tut regelmässig der Rücken weh vom Schleppen. Ja eben und dann das Gespräch mit dem Direktor auf der Rückfahrt im Auto. Neue Musik in Krasnojarsk, in Russland? Eigentlich nicht. Er hat in Berlin (seine Tochter lebt da) mit den Philharmonikern ein Stück von Marc André gehört, da ging es eigentlich nur um Stille. Sehr interessant, meint er, aber in Russland undenkbar. Vielleicht gibt es in Moskau Möglichkeiten, vielleicht schon in Novosibirsk aber im Allgemeinen braucht die russische Seele Melodie. Glinka, Tschaikowski, Schostakowitsch, Schnittke Gubaidulina, das ist eine Linie und immer gibt es Melodie. Obwohl, mit Gubaidulina ist es ja seit sie nicht mehr in Russland lebt auch schwieriger geworden...Wie er denn über den Zusammenhang von gesellschaftlicher Entwicklung und neuer Musik denkt, immerhin gab es ja zumindest in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg einen grossen Bruch und es gibt ja Gründe , warum die Musik so klingt. Nein, so ein Bruch gibt es nicht, behauptet er, Schostakowitsch und Schnittke brauchten das auch nicht. Das wundert mich nun wirklich, gerade die Biographien dieser Beiden Musiker würde etwas anderes vermuten lassen... Beenden wir also dieses Thema. Wie es denn mit der Musikerziehung aussieht wollen wir wissen und erzählen von Rhapsody in School und ähnlichem. Ja in den Neunzigern, als es richtig schlecht ging hat er auch Kinderkonzerte gemacht. Jetzt hat die Philharmonie einen guten Draht zu Kindergärten, es werden eigens Stücke für Kinder produziert. Aber eben, mit neuer Musik sollte man die Kinder nicht überfordern. Er selber spielt in einem Ensemble Bandoneon, Piazolla läuft da unter Neuer Musik und manchmal vergibt er auch da und dort Aufträge an Komponisten. Auf die Frage eines Komponisten, was er denn haben wollte, machte er dann den Vorschlag, es soll mit Bach anfangen und aufhören, dazwischen darf es dann "modern" sein. So auf diese Weise würde er uns anraten Neue Musik dem Publikum nahe zu bringen. Bach als Weichspühler...? Wir verlassen die Stadt mit gemischten Gefühlen.

Nach Krasnojarsk also die grosse Hoffnung Novosibirsk, Hauptstadt Sibiriens und seit dem zweiten Weltkrieg, dem grossen Vaterländischen Krieg, ein wichtiges Zentrum der Elite. Moskau und Petersburg haben ihre Orchester, Theater und Oper nach Sibirien evakuiert und so sind natürlich erstklassige Leute nach Novosibirsk gekommen und zum Teil auch dageblieben. Heute sind viele wieder weg und der Direktor der Schule könnte traurig sein darüber, dass seine Besten Lehrer alle nicht mehr da sind. Trotzdem hat die Schule noch ein sehr hohes Niveau, einige der Geigerinnen aus Angarsk werden früher oder später dahin kommen, und es ist schön, dass wir in dieser Stadt zweimal spielen werden. Der Direktor empfängt uns sehr herzlich. Wir werden zwei Tage da sein, ein Konzert in der Galerie, ein Kammermusiksaal der Philharmonie, und dann das zweite Programm in der Schule spielen. Wir hoffen auf interessiertes Publikum und werden nicht enttäuscht. Pintscher gelingt uns mit dieser Aufmerksamkeit so gut wie nie bisher und das freut uns sehr. Selbst das Fernsehteam bleibt länger als geplant und schneidet den ganzen Pintscher mit und einiges davon ist scheints auch gesendet worden. Auch die Fragen des Journalisten waren überhaupt nicht blöd, insgesamt eine runde Sache. Die Moderatorin unseres Konzerts ist die gleiche ist wie vor zwei Jahren. Sie möchte dann ein Programm signiert bekommen, da das Konzert mit uns 2006 ihr erstes Konzert im neuen Job bei der Philharmonie war und somit für alle irgendwie bedeutend. (Sie hatte sogar das gleiche Kleid an!)
21.04.09 Novosibirsk (BLOG)
„Da ich so ein seltsamer Lebensstil führe habe ich ganz aufgehört, über Musik zu schreiben. Doch bin ich nicht komplett hoffnungslos: gestern war ein Konzert des internationalen Asasello Quartetts, welches höllisch cool gespielt hat. Aber: zeitgenössische Musik. In welcher es alles gibt, was zu begreifen ist- so rein intonieren die Leute und so gut ist alles studiert, dass die Qual der Überschönheit und Grösse der Kunst- dass ich es nicht ausgehalten habe und in der Pause nach Hause gegangen bin. Notabene: da gab es eine wundersame Komposition von einem Komponisten, sein Name ist - glaube ich- Pintscher „Ritratto di Gesualdo“. Ich habe die ganze Zeit auf das Zutagetreten der Allusionen gewartet (der Cellist hat an einer Stelle unerwartet angefangen zu singen; das war wahrscheinlich die Allusion). Die Musik war so aufregend, dass ich mit meiner Sitznachbarin entschieden habe, dass das Portrait nicht ein musikalisches, sondern ein psychologisches ist.“
21. 04. 2009 Novosobirsk (Zeitung)
„Das Asasello Quartett vereint nicht nur Verständnis und grenzenlose Liebe zur Musik. Ausserdem haben die Musiker auch einen Bezug zur Literatur, insebesonders zur russischen. Kritiker sagen dem Spiel dieses Quartetts wie auch dem namensstiftenden Roman das Zusammenwirken von hellen und dunklen Mächten/Kräften zu.“
Rostislavs ehemalige Lehrerinnen sind ebenfalls ins Konzert gekommen. Die Alte Klavierlehrerin hat eine wunderbare Ausstrahlung und freut sich sehr. Der Kommentar der Geigenlehrerin, jetzt Professorin des Konservatoriums Glinka "gut, ich muss mich für Dich nicht schämen" soll auch reichen...der Besuch am Vortag in ihrer Klasse war auf alle Fälle sehr amüsant: nachdem wir auf Umwegen doch an der Security vorbei gekommen sind (Rostik musste listig eine unbekannte Studentin bitten doch vielleicht Marina Kuzina Bescheid zu sagen, dass er da ist- seine Beteuerungen, er sei wirklich ein ehemaliger Student waren dem Beamten suspekt-) hat sie uns an der in ihrem Raum stattfindenden Kammerorchester Probe teilhaben lassen. Ein Streichorchester in einem kleinen Raum mit Flügel, Schreibpult und Sofa unterzubringen ist schon eine Leistung. Zu zweit und dritt an einem Notenpult, sitzen stehen egal, die beiden Bratschen auf dem Klavierbänkchen fast mit dem Rücken zum Geschehen und eins zwei drei vier los immer wieder die gleichen Einsätze in Schnittkes Concerto Grosso Nr.1 geprobt. Sehr impulsiv das Ganze, gerne würden wir mehr hören, müssen aber bald wieder gehen. Leider hat die Empfehlung der Lehrerin doch am nächsten Tag unser Konzert zu besuchen nicht viel genützt. Immerhin ist sie selbst da und ebenfalls bekommen wir Besuch eines Kompositionslehrers, der dann einer der Wenigen ist, die sich das zweite Konzert in der Schule anhören.
Leider ist auch da der Saal fürchterlich heiss und die Instrumente verstimmen sich immer wieder total. Die Luft ist in Novosibirsk derart trocken, dass ich mir das erste Mal ernshafte Sorgen um die Instrumente mache, die Wirbel halten nicht mehr, es könnten Risse entstehen. Es ist aber nichts passiert. Wir haben eine tolle Konzentration für Schnittke aber bereits für Schoeck ist es wegen der Hitze schwierig. Und promt kommt dann auch ein dementsprechender Kommentar des Direktors, ja dem Schoeck und den Schweizern im Allgemeinen ist es einfach zu gut gegangen, da kann ja keine vernünftige Komposition entstehen. Ich glaube nicht, dass er recht hat. (Vielleicht ein kleines bisschen schon?) Dann eine schreckliche Eile weil wir auf den Zug müssen, ein russisches Festessen auf uns wartet, wir aber noch nicht alles gepackt haben und eine Schülerschar noch Autogramme haben möchte und alles in einer viertel Stunde. Also pressieren wir so gut es geht, hoffen, dass wir nichts vergessen, schleppen die Koffer vier Stockwerke nach unten und stossen dann das erste Mal so richtig russisch mit ein zwei drei vier fünf Wodkas in zehn Minunten an, dazwischen gebackenes Huhn, Fisch und frisches Gemüse und eben immer wieder ein Toast. Es ist alles sehr herzlich und leider habe ich das Novosibirsker Souvenir vergessen, ebenfalls haben wir den geplanten Notenaustausch versäumt (wird nachgeholt) dafür aber noch eine paar Flaschen Wein, Wodka und das Essen eingepackt bekommen für den Zug und mit einem lachenden und einem weinenden Auge weg zum Bahnhof. Das Plakat der Philharmonie ist zu gross gewesen für unsere Sammlung, also noch ein Extra-Gepäckstück mehr dabei zu Koffern und Instrumenten und mit dieser Bagage und einer bomben Stimmung dann direkt vor unserer Lokomotive über die Geleise gestolpert (das ist zwar auch verboten hier aber trotzdem üblich), da es mit der Überführung zu anstrengend geworden wäre. Was für ein Glück, es ist wieder ein sehr feiner Zug, alles blitzsauber und neu. Wir fallen ins unser Coupé und feiern weiter, vermissen den Direktor und Wolfgang, welcher uns am Morgen verlassen hat, weil die Arbeit in Köln auch gemacht sein will. Aber diese Feier hätte beiden gut gefallen wir sind derart ausgelassen, dass sogar der Zugchef vorbei kommt und uns mitteilt, dass trinken verboten ist in diesem Zug. Das ist eben so, weil die Züge nach Norden besonders Alkohol gefährdet sind. Juri erklärt, dass wir Musiker seien und eben Konzert gespielt hatten und Rostik verspricht, dass wir nach Omsk nichts mehr trinken werden und wir feiern etwas stiller weiter. Eine lange Zugfahrt vor uns, ca dreissig Stunden rauf in den Norden und dann noch vier Stunden Bus nach Chanty Mansijsk, der nächsten Station. Die Landschaft ist jetzt so wie ich mir das immer vorgestellt habe: Steppe und Sümpfe so weit das Auge reicht, fast keine Häuser und ein traumhaftes Licht. Am nächsten Tag gegen Abend kommen wir an der ehemaligen Hauptstadt Sibiriens Tobolsk vorbei. Man sieht den Kreml in der Ferne, die Stadt liegt eben weiter weg und nicht an der Eisenbahnstrecke. Das ist ein Fehler, denn seit es Eisenbahn gibt ist Tobolsk nicht mehr Hauptstadt, da zu weit weg. Traurige Berühmtheit erlagte Tobolsk als letzter Wohnort der Zarenfamilie. Ein halbes Jahr lebte der Zar mit den Seinen in der Verbannung noch dort, bevor die Familie dann 1918 abgeholt und kurz vor Jekaterinenburg der Befehl „von oben“ kam, der Zar mit ganzer Familie seien zu töten. Ob Anastasia tasächlich überlebt hat weiss nach wie vor niemand wirklich, aber es ist doch eher ein Märchen. Und da hält unser Zug mitten im Nirgendwo scheint es, Tobolsk am Horizont, der Irtysch irgendwo da hinten und vor uns ein paar Baracken, ein Kind mit rosa Jacke auf blauem Fahrrad, gelbe Gasleitungen an den Hauswänden, ein wunderschöner beiger Hund, er erinnert mich an den Hund aus Meister und Margarita. Ich frage was sind das denn für Barracken und Rostiks Vater flüstert, Obamas Barracken. Ich brauche echt lange bis ich diesen Scherz verstehe, derart weit weg ist das alles!
So und jetzt unbedingt schlafen, da morgen um sechs aus dem Zug raus.

Ein Bahnhof in der Steppe, die kleine Stadt scheint mir bis jetzt die erste zu sein deren Hauptstrasse nicht „Lenin“ oder „Marx“ sondern „Strasse der Ölarbeiter“ heisst. Die Häuser sind mit Ziegelsteinen gebaut aber trotzdem schon sehr runtergekommen. Der riesige Mercedes Bus der da offenbar auf uns wartet sieht fast unwirklich aus. Auch da unsere Begleiterin Tanja mit irrsinnig hohen und vor allem dünnen Absätzen im Dreck unterwegs und picobello sauber alles. Es ist mir ein echtes Rätsel, wie die russischen Frauen das hinbekommen. Wir steigen ein und fahren scheinbar endlos durch unberührte Natur, ein einziger Urwald, mal mehr mal weniger Bäume sehr sumpfig und vielerorts noch mit einer dicken schmutzigen Schicht aus Schnee und Eis belegt. Die Bäume sind anders, mehr knorrige Fichten und vor allem auch viele tote Bäume stehen rum, es erinnert mich an Bilder prähistorischer Gegenden mit Dinosaurier auf Abbildungen in der Primarschule. Alle dösen, es sieht auch immer gleich aus. Die Strasse ist gerade und sehr gut, der Mercedes federt angenehm. Dann auf einmal aus dem Nichts sind wir plötzlich in der Stadt und merken sofort, hier gibt es Geld. Die Häuser sind gepflegt, auch die alten eingeschossigen Holzhäuser haben zum Teil einen neuen Anstrich bekommen und zwar grün und nicht blau wie sonst eher. Dann gibt es viele Baustellen an denen tatsächlich gearbeitet wird, mehr europäische und japanische Autos als russische, wenn ein Russisches dann sind es meist die grossen Laster, die zur Arbeit gebraucht werden. Tanja erwähnt da und dort etwas, eine Universität, die Studentensiedlung (die Beste in Russland mit allem Komfort) eine grosse Hotelanlage mit nostalgischen, auf alt gemachten russischen Holzhäusern, auch diese spielerische Art ist neu. Aber die neue Architektur sieht ja aus wie in Entenhausen, Andreas hat recht, als er das sagt. Das schrägste Gebäude ist dann unser Zielort, der Konzertsaal Jugra ist erst fünf Jahre alt. Im gleichen Komplex ist auch unser Hotel und das Restaurant, eine pseudo futuristische Angelegenheit in grünem Glas, glattpoliertem Stein und gelb beige orange gestrichenen Wänden, überall und nirgends ein Lämpchen. Licht ist in dieser Gegend natürlich äusserst wichtig, es soll anscheinend neun Monate lang Winter sein. Gleich nach dem Frühstück besuchen wir das Museum "Natur und Mensch". Komplizierte Umwege, man darf die Strassen nicht beliebig überqueren wie anderorts, die Verkehrsvorschriften sind sehr streng hier. Das Museum ist sehr sehr interessant und sogar rollstuhlgängig wie uns stolz mitgeteilt wird. Schade dass wir in einem Eiltempo da durch geführt werden. Trotzdem dauert der Besuch gute zwei Stunden und wir erfahren sehr viel über die Gegend und die Entwicklung von den Anfängen in Khanty Mansijsk bis Heute. Es beginnt mit jahrmillionen alten Versteinerungen in Top Zustand, einem der fünf komplett intakten Mammut Skeletten weltweit (natürlich in der Region gefunden), einer naturhistorischen Ausstellung über Tundra und Taiga Bewohner, vom jungen Füchslein bis zu Wolf, Bär und Luchs alles dabei. Wunderschöne Tiere man könnte sie fast streicheln, denn es gibt keine Vitrinien oder so. Ein innovatives Museum, dafür hat es auch den grand Prix für das Beste russische Museum 2007 verdient. (Mir persönlich gefällt das Naturhistorische Museum in Moskau mit den alten verstaubten Einrichtungen ja auch sehr gut und eben das Baikalmuseum mit den nur noch in wenig Alkohohl liegenden und total ausgebleichten Fischen.) Dann gibt es eine Oster-Sonderausstellung zu den örtlichen Trachten und Ikonen, wir haben kaum Gelegenheit richtig hinzuschauen da begint die Fotoaktion, die Damen sollen ihren Kopf auf eine kopflose Puppe mit Tracht legen, ein Kopftuch wird so drapiert, dass man den Übergang nicht sieht und es ist verblüffend, wie anders die Gesichter dann aussehen. Dann kommt ein grosser Abschnitt über die Ureinwohner, Nomadenvölker die weiter im Norden auch tatsächlich noch teilweise in ihrer Tradition leben. Das ist schon sehr gut gemacht, mit kleinen Filmen zwischendurch und halt wunderschönen Exponaten, Fellkleidungen, Pfeilbögen, ein Kanu, Fischfanggeräte, Wasserdichte Beutel aus Fischleder und und und. Die sakralen Gegenstände der Schamanen sind derart absurd ausgestellt, mit verschieden farbigem Licht beleuchtet, dass man kaum etwas sieht. Doch wir erfahren viel Interessantes über die Lebensgemeinschaft von Männern und Frauen, die Trennung der Geschlechter ist sehr streng strukturiert und noch in der engsten Jurte gibt es ganz klar Orte, die der Mann nicht betreten darf. (Nur in der Nacht wird gemischt). Dann eben die Schamanen. Im Allgemeinen muss man als Schamane geboren werden, also Fähigkeiten vererbt bekommen. Einzig die Musikschamanen können durch eine irrsinnige Prüfung sich des Amtes würdig erweisen: wer zwölf Tage ohne Essen und Trinken überlebt ist Schamane, wer nicht eben nicht, klar.
Das Konzert im Orgelsaal Jugra ist nicht ausverkauft, diesmal haben wir nur knapp hundert Leute, aber wir sind mit dem Publikum wider Erwarten total zufrieden und die Leute mit uns auch, scheints. Ich frage mich woran es wohl liegen mag, dass die Menschen hier nicht zwischen den Sätzen klatschen. Wir meinen, so weit weg, da dürfte es kaum ein gebildeteres Publikum sein als z.B in Irkutsk oder Krasnojarsk und da wurde teilweise munter dazwischengeklatscht- und doch ist es ganz anders. Die Stadt hat traditionell durch Verbannung und heute wohl durch das viele Geld viele Menschen mit höherem Anspruch an westlichere Kultur angezogen. Pintscher geht ziemlich konzentriert, doch der Höhepunkt sind doch Tanejew und die Zugaben. Allerdings ist es ein ziemlicher Kampf für Malgorzata bis endlich die Klimaanlage ausgeschaltet ist um die Aufnahmen brauchbar zu machen, denn der Saal klingt ja eigentlich gut. Mitten in Pintscher fällt plötzlich ein Stück Putz von der Decke runter, gottseidank erwischt es niemanden und schon gar nicht ein Instrument! Wir spielen unbeirrt weiter. Das ist schon verrückt, ein Neuer Saal und so fein gemacht auf den ersten Blick, aber im Detail nicht sorgfältig genug. Sehr bedenklich. Aber so ist das eben mit dem schnellen Geld. Und das wird wohl noch schlimmer, denn auch hier ist die Krise deutlich spürbar. (In Russland sagt man anstatt „cheese“ nun „Kriiiiisis“ fürs Foto...)
Während der Konzert Pause taucht eine Dame von gestern aus dem Museum auf, das Quartettfoto mit Tracht ist ausgedruckt und soll nun signiert werden. An Autogramme wird immer und überall gedacht und sie haben ja recht, wer weiss, wann es wieder mal ein Streichquartett derart in den Norden verschlägt...Immerhin, auch Gergiev und Kremer haben in Jugra gespielt.
Unsere Begleitung Tanja empfiehlt uns, im Winter wieder zu kommen, weil es dann so richtig schön ist. Dass es dann auch kalt ist stört ja nicht, man muss sich nur gut einpacken. Aber minus Vierzig ist schon hart und die ständige Dunkelheit würde ich auch schlecht aushalten. Doch mittlerweile können wir sogar einen Eindruck davon gewinnen, da es den ganzen Tag geschneit hat ist es weiss und tatsächlich viel schöner. Doch das sehen wir erst in der Nacht, nachdem der Bus uns wieder drei Stunden zurück zum Bahnhof gebracht hat. Der Zug fährt erst um zwei Uhr nachts, wir sind zu früh und müssen noch eine Stunde im Bus warten. Das ist schon kritisch, müde sind wir und wollen schlafen. Da denke ich mir, wie wäre es , wenn es erst noch kalt und scheusslich wäre und nichts zu essen...Alles prima, der Zug ist ein altes charmantes Modell und wir sind mittlerweile ein derart eingespieltes Team, dass die Verpackung der 160 Kilo unseres Riesengepäcks kein Thema mehr ist. Wir verabschieden uns von Tanja und ich hoffe, sie wird die erste russische Präsidentin, das wäre schön!
27.04. 2009 Chanty Mansijsk (Zeitung)
„Ein Konzert von unglaublicher „in den Bann ziehender“ Schönheit schenkten den Bewohner von Chanty Mansijsk die Musiker des Asasello Quartetts. Sie spielten Stücke von ruhmreichen sowie nicht so bekannten Komponisten aus Russland und Europa.
Vier nicht nur talentierte sondern aussergewöhnliche Musiker wollten nach Abschluss der Studien nicht auseinander gehen und haben ein Quartett mit dem seltsamen aber für Bulgakow Anhänger anziehenden Namen Asasello gegründet. Als Wohnort haben sie Deutschland ausgewählt.
Seitdem vereinen sie vollkommenes musikalisches Verständnis/Übereinstimmung und grenzenlose Liebe zur Kunst, reisen in Europa und werden „Würdenträger“ (Laureaten) von prestigeträchtigen internationalen Wettbewerben und Festivals und vervollkommnen sich und ihr Können bei den grossen Meistern unserer Zeit.
Der Russe Rostislav Kojevnikov ist wie ein durchdringender schlanker Pfeil und aber auch eine sanfte erste Geige, ihm ebenbürtig die gefühlvolle und delikate Barbara Kuster, Geigerin aus der Schweiz. Zusammen mit Justyna Sliwa und Andreas Müller haben sie tadellose Intonation und überragendes Stilgefühl.
Das einzige Konzert für die Jugortscharen nannten die Musiker 4 PAYSAGES und haben vier Länder, vier Kulturen gezeigt. Als Zugabe spielten die Gäste dem bewundernden Saal ein...georgisches Lied.“
Bemerkung: die ... Pünktchen vor georgisches Lied zeigen uns, wie sehr das politische dabei bemerkt wurde: der Konflikt ist nicht harmlos und unsere Zugabenwahl riskant.

In Tjumen haben wir das erste Mal ernsthafte Probleme: die Philharmonie hat uns einfach miserable Zimmer reserviert und das Hotel wäre aber ansonsten nicht schlecht, also nur enfach eine Geldfrage. Nach über zwei Wochen rein und raus aus dem Zug und in unterschiedlichsten Hotels können wir ein wenig Komfort aber durchaus schätzen und wir weigern uns das erste Mal, diese Zimmer zu beziehen. Also wieder nach unten mit dem Gepäck und die Kontaktdame der Philharmonie erreichen. Es ist nicht zu fassen kompliziert und so entschliesst das Hotel selbständig (vielleicht mit einem kleinen Wink "von oben"), uns beste Zimmer auf Kosten des Hotels zu geben und wird werden auf diese Weise gebeten, doch zu bleiben und das Konzert zu spielen- wir drohten offenbar abzureisen. So haargenau verstehe ich ja nie, was gerade läuft, aber dem Tonfall nach zu urteilen war es eine knappe Sache. Doch glücklicherweise haben wir scheints auf die Schnelle einen Mini Sponsor gefunden und werden mal sehen, wie sich die Philharmonie- Leute morgen gebärden...ansonsten spielen wir halt eben nicht!
Verrückt, Tjumen ist das Beste Konzert der Tour geworden! Es stimmt einfach alles (ausser dass sich von der Philharmonie kein Verantwortlicher zeigt). Das Erste Mal haben wir das Gefühl, dass die Programmansagerin unser Booklet wirklich studiert hat und sich inhaltlich daran hält, ohne sich in ihrem Stolz verletzt zu fühlen und erst recht ihre eigenen Recherchen unter die Leute zu bringen. Und da empfängt uns der ausverkaufte Saal -ca 240 Menschen- nach dieser Ankündigung und den Erläuterungen zu unserm Projekt mit einer Wärme, die uns sofort erreicht und bereits den Auftritt sehr angenehm macht. Szimanowski war noch nie so frei. Eben auch, weil wir die Programmwahl nicht gegen einen irren Widerstand durchsetzen müssen. Nach der Ansage sind die Leute echt gespannt, was da wohl kommt und mir scheint, die Ohren sind offener. Während des zweiten Satzes von Schnittke geht ein handy los, ewig, niemand stellt es aus. Sofort wird unser Klang härter und fast böse, ich fürchte schon, Rostik hört einfach auf zu spielen, so sehr nervt ihn die Ignoranz. Und dann nochmal!!! Insgesamt ist aber auch Schnittke gut geworden, in der Pause gratuliert uns Malgorzata und die Programm-Dame lacht sich einfach kaputt wegen des Handys und erklärt, die Babuschka wusste eben nicht, wie man das blöde Ding ausschaltet, sitzt erst noch in der ersten Reihe und schämt sich in Grund und Boden. Dann erzählt sie weiter, dass sie uns noch vom letzten Mal kennt und extra viel Werbung für das Konzert gemacht und den Leuten gesagt hat, sie sollen kommen, das wird was Tolles. Sonst gibt es ja immer nur Orgelkonzerte hier mit irgendwelchen unbekannten Komponisten aus dem 16. Jahrhundert und Neue Musik gibt es in Tjumen überhaupt nicht. Obwohl Schostakowitsch in der Ahnengalerie der Philharmonie hängt- immerhin echte Gemälde eines leider gar nicht erstklassigen Malers (Mozart hat verblüffende Ähnlichkeit mit Michael Jackson was ja auch wieder gut ist)- wird er doch kaum gespielt. Da sind wir schon weit vorne gewesen mit Schostakowitsch Nr 9 letztes Mal. Und jetzt eben sehr spannend unser PAYSAGES Programm, das Publikum ist sehr aufmerksam. Sehr beglückt über ein schönes Konzert und vor allem eben auch über den ersten richtigen PAYSAGES Erfolg steigen wir für die letzte Zugfahrt von Tjumen nach Omsk ein. Leider wieder ein überheizter Wagen, das ist anstrengend. Doch auch daran haben wir uns mehr oder minder gewöhnt, so schlimm wie in der ersten Nacht mit unendlichem Durst und nicht wissen wohin vor lauter Hitze ist es nicht mehr.

In Omsk dann herzlichster Empfang ein grosses Frühstück und eine wunderbare familiäre Atmosphäre. Irgendwann kommt das Gespräch auf Herkunft und Familie. Auch Rostik hat offenbar polnische Vorfahren. Die Grossmutter Mütterlicherseits hiess mit Mädchennahmen Fuhrmann und stammt aus Petersburg. Was da passiert ist im 20. Jahrhundert mit Krieg und Verschleppung, Umsiedlungen und ich weiss nicht was alles, sozusagen erst vorgestern, ist einmal mehr kaum zu glauben und da sitzen wir alle in der kleinen Küche: eine russische Famiie in mehreren Generationen, Malgorzata die die russische Besatzung in Polen noch voll mitgekriegt hat, Justyna, die nicht mehr russisch lernen musste in der Schule und sich auch nicht an Geschäfte erinnern kann in denen es nur Essig und sonst nichts gab, und eben auch ahnungslose Schweizer, die ein klein wenig aus Büchern kennen und ansonsten bereits mit der Grösse des Landes überfordert sind, geschweige denn mit diesen komplizierten und auch schrecklichen Geschichten, es ist uns nicht vorstellbar, dass Rostiks Grossmutter nur mit ihrer Mutter den Krieg überlebt hat, fünf Brüder und der Vater sowie weitere fünf Familienangehörige nicht. Die Tante in Moskau, Inna, die uns am ersten Tag in Moskau wieder so toll bekocht hat, ist als kleines Kind Waise geworden, weil ihre Eltern in der Leningrader Blockade verhungert sind. Dann ist sie mit Rostiks Grossmutter umgesiedelt worden und in Kazan weiter aufgewachsen. Wir müssen wieder einmal mehr lernen, dass man über gewisse Dinge kaum reden kann und will und das Leben eben so spielt und alles ganz normal ist, und Schoeck trotzdem mit Herz behandelt werden soll, auch wenn das angenehme Leben der Schweizer in seiner Musik offenbar für die Russen irritierend hörbar ist und Schoecks Musik nicht nur vom Direktor in Novosibirsk dementsprechend kommentiert wurde: eigentlich vieles überflüssig. Dazu kommt dann noch die Anbiederung Schoecks an Nazi Deutschland. Der übergrosse Wunsch, als „kleiner“ Schweizer, koste es was es wolle, in der grossen weiten Welt, Berlin 1942, gehört zu werden war sicher ein Fehler und ist teuer bezahlt worden. Ja stolz sind wir nicht da drauf aber leben müssen wir auch damit. Niemand kann diesem Geflecht distanziert begegnen, das Gefühl, dass alle irgendwie zusammen gewachsen sind und sich endlich miteinander beschäftigen müssen ist stark. Da wir eh niemals alles „richtig“ machen werden können spielen wir unsere georgischen Zugaben auch trotz aller politischen Konflikte mit Freude und denken für eine Weile nicht mehr darüber nach, wem wir sonst noch alles auf den Schlips treten. Das wirkt befreiend.
Die beiden Konzerte in Omsk sind gut bis sehr gut besucht, der Orgelsaal restlos ausverkauft. Wir spielen als erstes Schnittke und danach Schoeck. Auch da hat Schoeck nach Schnittke zum Teil schlechte Karten. Die Musik sei nicht tief und als Aussage niemals Schnittke ebenbürtig bekommen wir einmal zu hören. Doch das Publikum ist äusserst herzlich. Für uns ist es sehr anstrengend, die allgemeine Müdigkeit gross. Auch mit den Aufnahmen ist es nicht einfach, am Vortag die Mikrofone aufstellen und am nächsten Tag genauso positioniert wiederfinden ist nicht garantiert, obwohl zugesichert. Zum Glück hat Malgorzata überall ihre geheimen Markierungen gemacht mit Bleistift, so lassen sich die Positonen von Stühlen, Notenständern und Mikrophonen schnell rekonstruieren. Auch Tee bekommen ist hier unerwartet schwierig und wir haben uns so an Tee in allen Lebenslagen gewöhnt. Anscheinend ist die verantwortliche Dame eine andere als letztes Mal, es dauert und dauert und schlussendlich bekommen wir vier Tassen für fünf Leute. Nicht dass so eine Kleinigkeit wirklich von Belang wäre, aber mittlerweile sind wir eben auch auf solche Kleinigkeiten sensibilisiert. Was unser Projekt angeht sieht es auch in Omsk nicht optimal aus, die Ansagerin will nicht viel davon wissen und macht ihren Job wie immer, ein normales Philharmonie-Konzert eben. Doch sie freut sich sichtlich mit uns über den grossen Applaus und die vielen Blumen.
Am nächsten Tag in der Schule sieht es ein wenig anders aus, der Direktor ist neugierig und die Schülerscharen auch. Doch der Saal ist zu heiss, die Stücke zu lang, Pintscher zu leise. Auch bin ich irritiert, meine, die Studenten hören mit überkritischem Ohr. Doch Rostik ist unbeirrt und so klappt doch alles super und wir freuen uns auch da über die Blumen und die Gespräche nach dem Konzert mit den Studenten. Der Direktor unterstreicht den Wert unserer Missionarischen Arbeit hier sehr und freut sich offensichtlich, dass er etwas anfangen konnte mit Pintscher, er scheint das Wesen Gesualdos (ein schlechter Mensch, meint er) und die Musik in einen Zusammenhang bringen zu können. Ja stimmt, wenn man an die vielen Messerstiche denkt werden die lauten und brutalen Stellen nur allzuklar...
Justyna unterhält sich lange mit einer jungen Dame, die in Omsk Polnisch unterrichtet und das Gespräch ist auch erfreulich: sie bedankt sich sehr für das Programm und meint, obwohl es bestimmt für viele überfordernd gewesen sei ist sie sich sicher, dass unser Auftritt lange nachwirken würde. Besonders auch für die Musiklehrer sein es doch unheimlich wichtig, dass sie endlich einsehen, dass die russischen Studenten sich im Ausland mit ihrer ausschliesslichen Ausbildung aus der Alten Schule doch immer öfter schämen müssen und eben auch die Studenten einfach zu faul seien um sich mit Neuer Musik zu beschäftigen. Immerhin, ein Geiger bittet um die Partitur für Martis „Ricordanze“...
Wir danken allen herzlichst, die zum Gelingen dieser ersten Etappe von PAYSAGES beigetragen haben und freuen uns schon jetzt auf die nächste Reise, nämlich nach Polen in 2010. Sehr gespannt erwarten wir dafür auch die Partituren von Sergej Newski und Alexandra Gryka, deren neueste Kompositionen sicher wieder für viel Auf- und Anregung in unseren PAYSAGES Programmen sorgen werden.
